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Veröffentlicht: 19.09.2011


Kommunikations-Standards:

seit zehn Jahren eingefroren

Schnittstellen als Wettbewerbskomponente missbraucht



Schnittstellen und Kommunikationssysteme im Zeitalter des Business Process Managements lautete das Motto der Herbsttagung des Bundesverbandes der Krankenhaus-IT-Leiterinnen/Leiter KH IT beim Gastgeber Klinikum Braunschweig. Interoperabilität patientenführender Informationssysteme und Implementierung klinikübergreifender Prozesse sind dabei von der IT zu bewältigen. Eine schwierige Aufholjagd steht bevor.

Die optimale Versorgung der Patienten im Krankenhaus erfordert eine reibungslose Gestaltung der Abläufe über einzelne Bereiche und Abteilungen hinweg. In Krankenhäusern werden für vielfältige spezialisierte Zwecke oft mehr als hundert unterschiedliche IT-Anwendungen eingesetzt. Problem dabei: die fehlende Kommunikation zwischen den Systemen. Denn auch wenn die einzelnen Abteilungen ausgereifte IT-Systeme einsetzen, gibt es im Zusammenspiel der Geschäftsprozesse über mehrere Abteilungen oder gar Kliniken hinweg oft Optimierungsbedarf. Technisch sind die IT-Systeme über Netzwerke zwar miteinander verbunden, aber sie sprechen keine gemeinsame „Sprache“. Die dafür erforderliche „Interoperabilität“, also das Zusammenspiel der verschiedenen Systeme, wird oft erst in Grundzügen praktiziert. Das Gleiche gilt für die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Kliniken sowie zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern.

Unnötige Wartezeit, doppelte Arbeit und enorme Kosten könnten vermieden werden. Zwar gibt es dazu seit Ende der 80er Jahre technische Standards wie HL7 oder DICOM, diese sind jedoch bisher nicht entsprechend eindeutig anwenderpraxisbezogen ausgestaltet. Besonders problematisch verhält es sich mit der realwirtschaftlichen „Interoperabilität“ von IT-Systemen. Neben dem personellen Aufwand der Krankenhäuser lassen sich Industrie-Unternehmen die Einrichtung von Schnittstellen oft teuer bezahlen. Das Klinikum Braunschweig zahlt etwa 50000 Euro jährlich für Schnittstellen.



Alexander lhls, Präsident Open eHealth Foundation: „Das Zusammenspiel von Schnittstellen und Standards ist nicht als Wettbewerbskomponente zu missbrauchen.“

Standards und Integrations-Profile für Prozesse der stationären Behandlung sind das visionäre Ziel, wie Alexander lhls betonte. Doch der Weg ist steinig. Gerade die bestens bekannte Marktabschottung ist ein Hemmschuh. Wettbewerbsprodukte werden verzögert angeboten und ebenso eingebunden. Daher adressierte der Präsident Open eHealth Foundation an die Industrie: „Das Zusammenspiel von Schnittstellen und Standards ist nicht als Wettbewerbskomponente zu missbrauchen, vielmehr sollten Applikationen die lleinstellungsmerkmale leisten.“

Berater Heiko Lemke: „Dazu ist jedoch eine bessere Abstimmung zwischen IT und Fachabteilung nötig.“

Berater Heiko Lemke, HL-Conexio, blickte auf die Technologien der Kommunikations-Server. Seine Botschaft im Zeitalter von XML, SOA und BPM lautete: den Pfad vom Kommunikationsserver zur SOA-basierten Integrationsplattform zu beschreiten. Was winkt, ist die Wiederverwendbarkeit in unterschiedlichen Geschäftsprozessen. Berater Heiko Lemke weiß: „Dazu ist eine bessere Abstimmung zwischen IT und Fachabteilung nötig.“

Zum Einsatz der Interoperabilitäts-Standards und Profile für die Integration von Medizin-Geräten fehlt auch nach Ansicht von Johannes Dehm, VDE Initiative Mikromedizin, der entscheidende Ruck. „Standards sind vorhanden, wir müssen sie nur nutzen“, forderte der VDE-Experte vehement auf. Denn bislang fehle die Motivation bei Herstellern ebenso wie bei Betreiber-Implementierungen. Dabei ist ein Netzwerk aus IT und Medizintechnik ein Risikofaktor, dessen Risikomanagement gerade für Krankenhäuser die Norm „DIN EN 80001“ sichern soll.

Was sich auf der KH IT-Herbsttagung 2011 bis hierher wie Theorie mit Blickkontakt zur Praxis ausnahm, sollten Anbieter von Kommunikations-Servern klipp und klar per Produktstrategien und durch Standards & Co. belegen. Dabei spannten sie den Bogen ziemlich weit von proprietär bis zu OpenSource, von der Idee einrichtungsübergreifender Kommunikationssysteme bis zum Angebot kostengünstiger Ablöse fremder Systeme. Was als nützliche Marktinformationen des Veranstalters gedacht war, kam so im Plenum nicht überall an. Nach Meinung von Teilnehmern blieben bei den Produktpräsentationen innovative, belastbare Informationen eher aus. „Die Hersteller lieferten sich eine Feature-Schlacht ohne richtige Features“, meinten IT-Leiter irritiert.

CIO Dr. Christoph Seidel, Klinikum Braunschweig, stellvertretender Vorsitzender BVMI, und Heiko Ries, erster Vorsitzender KH IT: Schulterschluss von BVMI und KH IT durch einen Vertrag verstärken.

Wie von KH IT-Tagungen gewohnt, kamen Anwender zu Wort, so Gastgeber Klinikum Braunschweig. Eckpunkte der IT im Klinikum skizzierte CIO Dr. Christoph Seidel. Die IT beschäftigt 28 Mitarbeiter, die 2800 Anwender mit mehr als 80 IT-Systemen betreuen. Verfügbar im Budget sind 4,1 Millionen Euro.
Zusammen mit dem Daily Business finden wegweisende Projekte Raum. Das Klinikum Braunschweig erstellte im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit dem Peter L. Reichertz Institut der TU Braunschweig und der MHH sowie der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen ein elektronisches Befundportal. Damit wird niedergelassenen Ärzten und Kliniken in der Region ein schneller Zugriff auf Laborberichte, Arztbriefe und andere Dokumente des Klinikums ermöglicht. Schritt für Schritt werden die Systeme im Sinne der "Interoperabilität" angeglichen, um die Befunde automatisiert in die Praxis-EDV zu übernehmen.

Prof. Dr. Martin Staemmler, FH Stralsund: musste per Fragebogen aus den Erfahrungen und Anforderungen der IT-Leiterinnen/Leiter an die Hersteller ein trübes Bild ableiten.

Zur KH-IT Herbsttagung gab eine Erhebung von Prof. Dr. Martin Staemmler, FH Stralsund und KH IT-Beirat, (exklusives Interview) eine Momentaufnahme über den Stand der Kommunikation bei Anwendern. Aus den Erfahrungen und Anforderungen an die Hersteller aus Sicht der IT-Leiterinnen/Leiter zeichnete sich indes ein trübes Bild ab. Zwar ist demnach die Kommunikation von KIS / KAS zu Subsystemen weitgehend mit HL7 (70%) etabliert (HL7 sowie HL7 proprietär). Aber der Stand ist bei zehn Jahre alten HL7-Standardversionen (HL7 V 2.2, V 2.3) stehen geblieben. Zu den Hemmschwellen gehören der Aufwand für die Krankenhaus-IT sowie das Paradigma „never change a running system“ und der unklare Mehrwert von Funktionen neuer Versionen, aber wohl auch eine fehlende Weiterentwicklung neuer Versionen bei Herstellern selbst. Ein IT-Leiter kommentierte: „Neu muss nicht sein, weil es schick ist.“
Weitere Beobachtungen der KH IT-Umfrage lauten: Im Einsatz sind kaum aktuelle Technologien (Datei-basiert statt Web-Services) sowie teilweise ohne Kommunikationsserver (Subsystem zu Subsystem). Es besteht eine Vielzahl proprietärer Schnittstellen, Medizingeräte sind bisher kaum eingebunden. „Geschäftsprozessmanagement“ ist nach Erkenntnisse der Umfrage ansatzweise vorhanden, der Fokus richtet sich bei Funktionalitäten auf Patientendaten, Auftrag und Befund, kaum auf Auftragsstatus, Leistungserfassung, Anfragen oder Termine. IHE-Profile sind nicht genutzt.

Dieser brisante Umfrage-Input befeuerte eine moderierte Diskussion (Wolf-Dietrich Lorenz, Krankenhaus IT Journal) mit KIS-Anbietern und dem Plenum über „Integrationsstrategien 2015“. Sie offenbarte Differenzen bei Verständnis und Bewertung von Standards. „Standards machen Märkte“, erwarten die Anbieter. „Standards machen Lösungen“, hofft die Krankenhaus IT. Sie bekam schließlich sogar den Schwarzen Peter von der Industrie zugeschoben: „Wir drängen Kunden keine Technologie auf.“ Und: „Wenn die Kunden nichts Neues fordern, dann wird auch nichts ausgeliefert.“

Professor Reinhold Haux, Geschäftsführender Direktor am Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover: „Innovationen aus Deutschland kommen viel zu wenig zum Laufen.“

Dabei treibt nicht allein die Industrie Innovationen an. Strukturen bei regionaler Vernetzung mit IHE aus Niedersachsen konturierte Professor Reinhold Haux. Eine Gesundheitsdatenbank, die „GD-Bank“, soll das Fundament für den verbesserten, schnellen Informationsaustausch zwischen Haus- und Fachärzten, Kliniken und Pflegeinrichtungen mit dem Patienten im Mittelpunkt legen. Haux, Vorsitzender des Projektbeirats und Geschäftsführender Direktor am Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover, intonierte: „Der Anspruch von eHealth-Braunschweig.de nährt sich aus der Entwicklung moderner und zukunftsweisender vernetzter Versorgungsdienste.“ Innovationen aus Deutschland wie diese kommen nach seiner Ansicht viel zu wenig zum Laufen. „International liegen wir hinter USA und Japan.“ Exklusiv-Interview

Dr. Günter Steyer thematisierte: „Gesundheitsnetze und Interoperabilität in den USA“.

Beim Blick über die Grenzen von Dr. Günter Steyer auf „Gesundheitsnetze und Interoperabilität in den USA“ war die zunehmend verbreitete „Regional Health Information Organization (RHIOs)“ Thema. Ihr – auch hierzulande bekannter - Anspruch lautet: „Dauer des Krankenhausaufenthaltes reduzieren, die Bedeutung der ambulanten Nachbetreuung steigern“. Für die technologische Basis sind dabei Integrationsstandards unabdingbar, doch auch in den USA nicht überall Praxis. Bei der finanziellen Unterstützung hat dieses künftige „National Health Information Network“ Teil an einer staatlichen Förderung in Höhe von 19,5 Milliarden US-Dollar.

Die Verbandsarbeit des KH IT in den vergangenen Jahren führte zu verschiedenen Kooperationen. Der Schulterschluss von BVMI und KH IT, der durch einen Vertrag verstärkt wurde, soll besonders das Berufsfeld des IT-Leiters stärken und den IT-Nachwuchs fördern.
Beim Blick auf die vergangenen 15 Jahre Verbandsarbeit bat Heiko Ries (exklusives Interview) den ersten Geschäftsführer des KH IT-Vorläufers VHK (Verband der Hersteller von Krankenhaus-Informationssystemen, 1995) auf das Podium.

Geschäftsführer des KH IT-Vorläufers VHK, Dieter M. Kampe: „Im Markt sind noch zu viele KIS-Systeme, es gibt zu wenig IT-Fachkräfte für das Krankenhaus.“

Dieter M. Kampe´s Statement zu aktuellen Problemen: „Im Markt sind noch zu viele KIS-Systeme, es gibt zu wenig IT-Fachkräfte für das Krankenhaus.“

Gastgeber der ersten KH IT-Tagung, Gunther Nolte, Vivantes Berlin: entwarf strategische Maximen für IT-Leiter.

Auch der Gastgeber der allerersten KH IT-Tagung, Gunther Nolte, damals Klinikum Kassel, heute Vivantes Berlin, ergriff das Wort. Er entwarf Perspektiven für den IT-Leiter: Was kann ich selbst gestalten? Wie anerkannt, wertgeschätzt und vernetzt ist die IT? Wie steht es um die technische Entwicklung? Welche Interaktion betreibt die IT aus dem Krankenhaus nach außen? Neben den strategischen Maximen für IT-Leiter stellte er Integrationsstrategien für Medizinische Versorgungs-Zentren von Vivantes vor.

Prof. Dr. Jan Marco Leimeister, Uni Kassel: „Nutzen und Wert der administrativen und medizinischen IT-Systeme muss von der IT-Abteilung noch deutlicher kommuniziert werden.“

Nutzen und Wert der administrativen und medizinischen IT-Systeme muss von der IT-Abteilung noch deutlicher kommuniziert werden, um alle Potenziale für die Anwender nutzbar zu machen. Das zumindest war die Erkenntnis für IT-Leiter aus dem Dinner-Speech „IT-Governance in deutschen Kliniken“ von Prof. Dr. Jan Marco Leimeister, Uni Kassel, bei der Abandveranstaltung im Braunschweiger Eisenbahnmuseum.

Prof. Dr. Björn Bergh, CIO der Uniklinik Heidelberg: „Anwender fehlen überall: Bei IHE Deutschland, HL7, DICOM, „80001“, Continua Health Alliance.“

Resümee: Interoperabilität ist machbar, aber von Initiativen abhängig. Zur „IHE-konformen Vernetzung klinikübergreifender Prozesse“ gehört für Prof. Dr. Björn Bergh mehr als nur Technik, nämlich vor allem das Engagement der Anwender. Gerade damit ging der CIO der Uniklinik Heidelberg scharf ins Gericht. Standardorganisationen seien von der Industrie dominiert. „Anwender fehlen überall: Bei IHE Deutschland, HL7, DICOM, „80001“, Continua Health Alliance.“ Es gebe keine systematische Vertretung. Das Ergebnis sei, so Bergh bitter: „Wir kriegen Verordnungen auf den Tisch, die wir dann umsetzen müssen.“

Geschäftsprozesse über die Grenzen einzelner Systeme hinweg zu optimieren, bleibt Aufgabe und Wertbeitrag der Krankenhaus-IT. Was hierzu zu leisten sein wird - und wie -, riss die diesjährige Herbsttagung des Bundesverbandes der Krankenhaus-IT-Leiterinnen/Leiter KH-IT an. Zur Lösung beitragen konnte sicher der ausgiebige Erfahrungsaustausch der über 170 Teilnehmer aus ganz Deutschland untereinander, mit den Referenten sowie mit den 27 IT-Industrie-Ausstellern.


HL7-Versionen in deutschen Krankenhäusern in Gebrauch
Momentaufnahme Herbst 2011



von Wolf-Dietrich Lorenz

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