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Veröffentlicht: 14.08.2017


„Zu einer eGK gibt es Alternativen,

aber es gibt nichts, was besser ist“


Das Megaprojekt „elektronische Gesundheitskarte“ (eGK) zieht sich über mehr als elf Jahre hin. In der Branche wird gefragt und gemutmaßt: Steht es dicht vor dem Aus? Dr. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer Bitkom e.V., schätzt den Stand der Dinge ein.


Dr. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer Bitkom e.V.: „Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist keine Kür, sie ist unsere Pflicht.“


Es heißt in der Branche zur eGK: „...unsicherer denn je, wann die Gesundheitskarte die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt“ - ist dies Stimmungsmache oder realistische Einschätzung? Wie beurteilen Sie die Zukunft der elektronischen Gesundheitskarte?

Bernhard Rohleder
: Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist keine Kür, sie ist unsere Pflicht. Deutschland hinkt im internationalen Vergleich vielen Ländern weit hinterher. So ist zum Beispiel Papier weiterhin Realität in Krankenhäusern und Praxen, obwohl es ein Risiko für den Schutz sensibler Patienteninformationen darstellt: Analoge Akten verschwinden, Informationen müssen über nicht gesicherte Wege an andere Teilnehmer kommuniziert werden.
Außerdem bindet die analoge Verwaltung wichtige Ressourcen medizinischen Personals, das unmittelbar für die Patienten aufgewendet werden könnten. Papiergebundene Lösungen müssen daher durchgängig durch digitale ersetzt
werden.

Die Telematikinfrastruktur ist eine wichtige Grundlage für die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesen. Die Vernetzung aller Akteure wird Leben retten. Rund 20.000 Menschen verlieren jedes Jahr allein in Deutschland ihr Leben, weil Hinweise auf Medikamentenunverträglichkeiten und gefährliche Wechselwirkungen dem behandelnden Arzt nicht zur Verfügung gestellt werden. Die Speicherung entsprechender Informationen mit der elektronischen Gesundheitskarte kann nicht nur Leben retten, durch sie können auch Ressourcen gespart werden, weil unnötige Doppeluntersuchungen leichter erkannt und vermieden werden.

Wir begrüßen alle Maßnahmen, die den Rollout der Telematik-Infrastruktur im deutschen Gesundheitswesen beschleunigen und die Einführung neuer Anwendungen unterstützen. Nach jahrelangen Vorbereitungen, dem
Entwicklungsabschluss der zentralen TI-Elemente sowie der zukünftigen Karteninfrastruktur, vor allem aber der erfolgreichen VSDM-Erprobung der dezentralen Komponenten steht nun der Rollout der bundesweiten
Telematik-Infrastruktur unmittelbar bevor. Einseitige Schuldzuweisungen in Richtung Industrie sind nicht nur unbegründet, sie verstellen den Blick auf die eigentlichen Probleme: Entscheidungsprozesse, die sich über Jahre
hinziehen und ständige Änderungen von Anforderungen an die Technologie. Die Gesundheitskarte wurde zu einem Zeitpunkt angekündigt, als es weder Smartphones, noch soziale Netzwerke wie Facebook noch Cloud Computing gab!
Wir müssen dafür sorgen, dass die Entscheidungsprozesse mit den technologischen Entwicklungsprozessen Schritt halten. Und wir brauchen für die Industrie stabile Vorgaben seitens der Auftraggeber anstelle eines ständigen Hin und Hers.

Wie sehen Sie die Chancen der elektronischen Gesundheitskarte? Welche Risiken bestehen?

Bernhard Rohleder
: Ein Scheitern des Rollouts würde die dringend gebotene Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens erneut um viele Jahre zurückwerfen. Das ist das größte Risiko. Angesichts der sektoralen Zersplitterung des deutschen Gesundheitswesens hat eine zentrale Telematik-Infrastruktur für den gesamten Gesundheitsbereich unverändert eine herausragende Bedeutung, wenn die Digitalisierung gelingen soll.


Was sollten die maßgeblichen Branchen-Akteure tun?


Bernhard Rohleder: Es ist viel gewonnen, wenn wir alle unsere Organisationsinteressen hintanstellen und uns voll und ganz auf das Wohl des Patienten konzentrieren. Ich denke, dass wir dann sehr schnell sehr eng zusammenrücken werden.

Welche Alternative sehen Sie im worst case zur elektronischen Gesundheitskarte?

Bernhard Rohleder
: Wir haben ja jetzt schon eine Alternative, und die heißt Papier. Nichts ist unsicherer und nichts ist umständlicher als Papier. Zu einer eGK gibt es Alternativen, aber es gibt nichts, was besser ist.

Was sollte generell von Seiten der Politik zur Stärkung des Technologieeinsatzes im Gesundheitswesen aus dem Blickwinkel der Technologieverantwortlichen unternommen werden?

Bernhard Rohleder: Mit dem Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen (E-Health-Gesetz) wurde ein wichtiger Grundstein für die Digitalisierung gelegt, es fehlt jedoch an Geschwindigkeit und einer Strategie, um intersektorale Kommunikation langfristig zu ermöglichen. Ein weiteres Problem sind fehlende finanzielle Mittel. Bis heute sind noch
nicht alle Akteure im Gesundheitswesen in ausreichendem Maße vernetzt, um eine integrierte Gesundheitsversorgung zu ermöglichen - insbesondere im Pflegesektor besteht hier noch großer Bedarf. Unternehmen im Bereich E-Health sind äußerst innovativ und dynamisch. Sie treffen im
Gesundheitswesen auf Strukturen, die Innovationen oft eher verhindern denn fördern. So kommt es, dass neue Anwendungen – auch etablierte Verfahren wie
Telemonitoring – noch nicht in die Regelversorgung Einzug gehalten haben.

Die Politik kann hier viel tun: Zunächst einmal muss das E-Health-Gesetz zügig umgesetzt werden. Vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen zu einer Fristverlängerung darf kein Zweifel am Willen zur Umsetzung aller Beteiligten aufkommen. Der Zeitplan der Einführung weiterer geplanter
Anwendungen wie die Notfalldaten, der eMedikationsplan, etc. dürfen nicht in Frage gestellt werden. Um die sichere Nutzung von (Versorgungs-)Daten zu gewährleisten und auszubauen, müssen schnell einheitliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Es müssen einheitliche und verbindliche Marktzugangsregeln für E-Health-Innovationen geschaffen werden, die die
Dynamik in diesem Markt widerspiegeln und Deutschland als Standort für E-Health-Lösungen stärken. Um die Patienten an der Digitalisierung teilhaben und davon profitieren zu lassen, sollte möglichst schnell ein
verbindlicher Zeitplan zur Umsetzung der elektronischen Patientenakte aufgestellt werden. Die mobile Nutzung von Daten und Versorgungsnetzen sollte auch ohne umständliches und kostenpflichtiges Kartenlesegerät unter
Wahrung der Datensicherheit und der Datensouveränität möglich gemacht werden, z.B. über Apps die von Patienten und Leistungserbringern genutzt werden. Eine niederschwellige Anwendung des autorisierten Zugriffs und der sicheren mobilen Übermittlung schafft die notwendige Akzeptanz und Skalierbarkeit für die Effizienz des mobilen Systems. Die Investitionskraft von Leistungserbringern sollte durch klarere Regelungen und das Bereitstellen
ausreichender, zweckgebundener Mittel verbessert werden.



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