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Veröffentlicht: 26.09.2017


Klinische Arbeitsplatz-Systeme

zwischen Vision und Realität

KH-IT-Herbsttagung 2017: Anforderungen, Strategien und Lösungen

Welche IT-Unterstützung wird künftig auf Station benötigt? Dieser Frage beschäftigte die über 220 Teilnehmer der diesjährigen Herbsttagung des KH-IT e.V. mit dem Motto „Klinische Arbeitsplatz-Systeme auf Station. Wohin geht die Reise?“ Im Spannungsfeld zwischen Vision und gefühlter Realität brachten die Referenten unterschiedliche Sichtweisen auf die klinischen Prozesse ein – von der ärztlichen Direktion einer Uni-Klinik bis zum Vertreter der IT-Hersteller. Für die 50. Tagung des KH-IT e.V. war Gastgeber die Universitätsmedizin Mainz.





Plenum bei der KH-IT Herbsttagung in Mainz



Was ist so spannend beim Thema „Arbeitsplatzsysteme“? Die IT soll die Kernprozesse der klinischen Behandlung unterstützen, also für die jeweiligen Arbeitsabläufe müssen optimale klinische Arbeitsplatz-Systeme (KAS) mit dem KIS und anderen Systemen integriert werden. Hier knistert es noch. Und hier lohnt es, Defizite anzusprechen, und zwar energisch. Seit Jahren fehlte ein Ruck durch die Health-IT, zu bemerken sei indes nur ein Rutsch. Zumindest fand das Thomas Kleemann, Leiter der Abteilung Informationstechnologie beim Klinikum Ingolstadt. „Warum reden wir über Defizite bei klinischen Arbeitsplatz-Systeme?“, begann er einen kritischen Rundumschlag. Darum: „Man kann auch Schrauben mit dem Hammer in das Holz treiben – allerdings schlecht.“




Thomas Kleemann, Klinikum Ingolstadt: Defizite heutiger Klinischer AP-Systeme


Applaus erhielt Thomas Kleemann, als er energisch an stabil vermuteten Grundfesten rüttelte. „Aktuelle KIS-Systeme sind in ihren Grundstrukturen und Funktionsweisen vollkommen veraltet. Die langen Reaktionszeiten der Hersteller bei Änderungen und die geringe Innovationskraft entstehen aus einer immer schwieriger werdenden Wartbarkeit des Codes, der nach überholten Entwicklungsansätzen gebaut wurde. Neue Module oder Themen täuschen nur darüber hinweg, dass niemals die Hausaufgaben auf Ebene der Anwender gemacht worden sind.“ Der IT-Prophet aus Ingolstadt rief der Industrie eindringlich ins Gedächtnis: „Die Zeit der großen KIS-Systeme ist vorbei! Gewinner ist, wer sich umfassend mit vernetzt und den kooperativen Workflow mit Leben erfüllt.“ In einem Verdrängungsmarkt mit Kunden, die selbst täglich um ihr wirtschaftliches Wohl kämpfen, sieht Kleemann kaum die nötige Finanzkraft für radikal neue Ansätze. „Kleine, agile Firmen, werden mit schlanken, schönen Anwendungen Teilprobleme/-aufgaben in unseren Prozessen lösen.“
Kollegen aus der IT gab er den kräftigen Anstoß, bei Personal-Skills, Eigeninitiative und Mut zur Innovation einiges besser zu machen – sonst räumten Klinik-Anbieter & Co. unter dem Geschäftsmodell „H4aaS - Hospital 4.0 as a Service“ den Markt gründlich auf.




Heiko Ries, Vorsitzender KH-IT e.V.: Eröffnung und Begrüßung




Thorsten Schütz, KH-IT-Vorstand: KH-IT Insider News „Rechtsverordnung IT-Sicherheitsgesetzes“




Ansprüche an die IT


Es geht um betriebswirtschaftliche Kennzahlen, das Verhältnis von Erfolg und Aufwand (Kosten). Hier hakte Dr. med. Jürgen Hinkelmann, Referent des Ärztlichen Direktors der Universitätsklinik Frankfurt, realistisch ein. „Wir haben Wirtschaftlichkeit im Blick, um sie zu optimieren.“ Ganz oben: „Im Mittelpunkt der Mensch.“ Jürgen Hinkelmann formulierte präzise gewichtige Anforderungen aus dem Management an die IT und ihre dynamische Unterstützung. Sie kommen nicht von ungefähr: Die Klinikfallzahlen entwickeln sich aufwärts, die Prognose zum Fachkräftemangel ist düster, der bedenkliche Trend bei der Erlös- und Kostenschere setzt sich fort. Bitter für die IT bleibt dabei: In den deutschen Krankenhäusern beträgt der Anteil des IT-Budgets am Gesamtbudget durchschnittlich ca. 2,7%. Vergleichsweise betrug der Anteil in der Industrie 2016 etwa 12%.






Dr. med. Jürgen Hinkelmann, Referent des Ärztlichen Direktors der Universitätsklinik Frankfurt: Anforderungen aus dem Management





Bernd Behrend, ehemaliger KH-IT-Vorstand: Einführung in das Tagungsthema

Dünne Zufriedenheit der Anwender


Trotz schmalem Budget schlägt sich die IT-Mannschaft tapfer. Passgenau stand auf der Agenda der KH-IT-Herbsttagung als eines der Highlights eine Anwenderbefragung zur Zufriedenheit mit klinischen IT-Systemen. Studienleiterin war Prof. Anke Simon, KH-IT Beirat, und Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. So bestätigten Anwender benutzerfreundliche IT am ärztlichen Arbeitsplatz. „Sie versuchen, trotz personeller Knappheit, ein hohes Maß an Leistung zu bringen.“ Kritik erntet allerdings eine lückenhafte Technologie. „Das IT-System dieses Hauses kostet ausfallsbedingt und durch seine Trägheit nicht nur eine Menge Arbeitszeit, sondern mit dem damit verbundenen Ärger wahrscheinlich auch Lebenszeit.“ Prof. Anke Simon unterstrich: „Die Missstände sind Anbietern seit 30 Jahren bekannt, hier kann nur eine konzertierte Aktion helfen.“



Prof. Anke Simon, KH-IT Beirat: Anwenderbefragung zur Zufriedenheit mit klinischen IT-Systemen

Über dieses Manko war von der Software-Industrie einiges zu hören. Matthias Meierhofer weiß augenscheinlich, was fehlt: ein stärkerer Fokus auf Interoperabilität in der Software-Industrie und mehr IT-Budget für Investitionen in Digitalisierung. Leider verschwieg der Industriesprecher die sprudelnde Quelle dafür. Stattdessen postulierte der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes Gesundheits-IT – bvitg e.V. kontroverse Forderungen an die Kunden: nämlich die Änderung der Denkweise in Krankenhäusern. Zu prüfen seien dort das Rollenverständnis von der IT, ebenso die IT-Strategie, die alle relevanten Prozesse betrachte, und jene Prozesse, durch die der Einsatz von IT wertschöpfender sein könnte.



Matthias Meierhofer, Vorstand bvitg e.V.: Anforderungen an zukünftige SW-Unterstützung durch ein KAS - wie sieht das die SW-Industrie?


IT Geschäftslandkarte neu vermessen

Methoden, Systematiken und Strukturen rund um die Gesundheits-IT sind gefragt. Dr. Thomas Koch, IT-Beratung im Gesundheitswesen etwa wartete mit einem KIS-Bebauungsplan auf. Hartwig Bazzanella, NCB, komplettierte die Geschäftslandkarte für Krankenhaus und Kernprozesse durch eine risiko- und nutzenorientierte KAS-Planung. Durch den Ansatz der beiden Experten lassen sich Probleme beseitigen wie Intransparenz zur Prozessunterstützung durch KIS-Anwendungen, aber auch ineffektive Methoden, Risiken zu beurteilen (z.B. technische Ausfälle).




Dr. Thomas Koch, eHealth-Expertise: Entwicklung eines KIS-Bebauungsplans




Hartwig Bazzanella, NCB: Risiko- und Nutzen-orientierte KAS-Planung


Eigenentwicklung als Lösungsalternative diskutierte Prof. Dr. Kurt Marquardt, Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, ein Klinikum der Rhön Klinikum AG. Es gibt keine grundsätzliche Zustimmung oder Ablehnung zur Eigenentwicklung von Software.



Prof. Dr. Kurt Marquardt, UK Gießen-Marburg: Eigenentwicklung als Lösungsalternative


Prof. Marquardt wies bei seiner Einschätzung einer Eigenentwicklung auf die Stetigkeit der Fortschreibung von Funktionen und Technik hin, die nur noch kommerziell leistbar seien und die noch stärkere Spezialisierung in “Abteilungslösungen“. Vor allem aber: „Die Digitalisierungswelt 4.0 und erforderliche Systemlandschaften sind nicht zeitnah adaptierbar.“ Die Eigenentwicklung ist daher Ausnahme.

IT ist im klinischen Alltag unverzichtbar für die Unterstützung der administrativen und klinischen Prozesse; ein Stillstand der IT hätte massivste Auswirkungen auf den Klinikbetrieb. „Die konsequente Umsetzung von Security und Privacy by Design ist überfällig, nicht allein weil der Gesetzgeber dies fordert“, betonte Dr. Johannes-Peter Fritsch, vom Gastgeber IT der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. „Auch die Bedrohungslage treibt in höchstem Maße dazu an. Zu lange ist zunächst hauptsächlich die Funktionalität umgesetzt worden mit dem Vorsatz, Sicherheit und Datenschutz nachfolgend zu regeln. Die Erfahrung zeigt jedoch: „Tomorrow never comes“. Mit dem vorhandenen Personal und den bisherigen Investitionsbudgets können die notwendigen Maßnahmen eben nicht bewältigt werden.




Dr. Johannes Peter Fritsch, kommissarische Leitung Servicecenter IT, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz: Aktuelle Herausforderungen aus dem Alltag an die IT


Besseres Know-how könnte dabei gegen Defizite helfen. Der Bundesverband der Krankenhaus-IT-Leiterinnen und -Leiter e.V. (KH-IT) will seine Mitglieder mit dem nötigen Wissen für ihren Beruf unterstützen. Mehrwert soll dabei seit 2004 besonders Wissenstransfer für die Praxis aus der Praxis bieten. Themenfelder sind Recht, SoftSkill und IT-Organisation. Neu ist ein intensiver Lehrgang zur Implementierung eines Informationssicherheitsmanagementsystems (ISMS), wie Reimar Engelhardt, KH-IT, IT-Leiter, vorstellte.



Reimar Engelhardt, KH-IT-Vorstand: KH-IT-Seminare bieten Know-how für die Praxis aus der Praxis


Debatte über die Praxis aus der Praxis

In der lebendigen Teilnehmer-Diskussion über „Erwartungen an ein KAS 2025“ kamen die betroffenen IT-Verantwortlichen zu Wort. Dr. Christof Seggewies, MIK UK Erlangen, und Helmut Schlegel, KH-IT-Vorstand, führten das gespannte Auditorium dabei von Thema zu Thema wie: Von GUI, User-Interface (ein hoffnungsvoller Anwender: „Systeme sollen schnell Informationen zu beliebigen Fragestellungen (google-like) liefern, sind intuitiv und situativ bedienbar.“); über Monolith vs. Komponentenarchitektur (Kommentare u.a.: „Die reibungslose Kombination vieler kleiner innovativer Apps ist die Lösung“; „Monolithen haben nicht die benötigte Innovationsgeschwindigkeit“); bis zu Wartungskosten, die nicht mehr für mehr Fortschritt ausreichen (Aussage: „In anderen Ländern ist mehr Geld im System“).



Dr. Christof Seggewies, MIK UK Erlangen: Anforderungen einer Uni-Klinik an ein zukünftiges KAS



Teilnehmer-Diskussion: Erwartungen an ein KAS 2025
Mit Dr. Christof Seggewies (Bild oben), MIK UK Erlangen, und Helmut Schlegel, KH-IT-Vorstand (Bild unten)




Nutzen für Tagungsteilnehmer

Fazit: Ausgewählte Beiträge exzellenter Referenten unter dem Motto „Aus der Praxis für die Praxis“ sowie die lebhaften Diskussionen über ihre Erwartungen an künftige „KAS“ konnten die teilnehmenden IT-Experten nutzen, aus der KH-IT-Tagung im Sinne von „kollaborativen“ Erkenntnissen eine Vielzahl umsetzbarer Impulse für Planung und Management klinischer Arbeitsplatzsysteme mitzunehmen.

Das soll auch im kommenden Frühjahr 2018 wieder so sein. Die KH-IT-Frühjahrstagung findet am 14. und 15.03.2018 im Klinikum der Universität München - Campus Großhadern statt. Auf dem Programm stehen u.a. die Datenschutzgrundverordnung und Informationen über den Lehrgang Informationssicherheitsmanagementsystems (ISMS) in Anlehnung an die ISO27.001

www.kh-it.de

Der KH-IT-Vorstandsvorsitzende im Interview



Neue Entwicklung und IT-Themen skizziert Heiko Ries, Vorstandsvorsitzender des KH-IT Bundesverband der Krankenhaus IT - Leiterinnen/Leiter e.V. Er spricht über die Finanzen des Verbandes und seine Förderer. Interessant ist auch sein Blick auf die Mitgliederperspektiven des KH-IT.

Der Bundesverband für Healthcare-IT-Experten ist in Social Media aktiv. Der KH-IT ist auf facebook präsent. Für den #khit twittern Heiko Ries und Jens Schulze. https://twitter.com/bvkhit




Weitere Referenten und Tagungsthemen


Gertrud Türk-Ihli, Medius-Klinikum Nürtingen: Standard-Prozesse auf Station



Dr. Tobias von Bargen, UNITY AG: IT-gestützte Logistik-Services für Station


Prof. Dr. Bernd Wolfarth, Humboldt-Universität Berlin: Ein Workflow-System als Bindeglied
zwischen Best-of-Breed-Systemen


Feier zur 50-sten KH-IT-Tagung
Der Start der Tagungsreihe Frühjahr und Herbst war im Jahr 2003/2004. Nach den ersten Veranstaltungen stiegen die Teilnehmerzahlen aus der IT-Leitung rasch an. Von Tagung zu Tagung folgte Besucherrekord auf Besucherrekord. Auf der 50. Tagung zählte der KH-IT über 220 Besucher. Insgesamt besuchten 6000 Teilnehmer die Frühjahrs- und Herbsttagungen.

Auf der Feier zur 50-sten KH-IT-Tagung hielt Wolfgang Platter, Agfa Healthcare, eine Ansprache als Hauptsponsor zum Jubiläum. Michael Franz von CGM Clinical Deutschland GmbH, seit August 2003 das am längste Fördermitglied des KH-IT, sprach im Interview über Motivation und Signale für Anwender.
Frank Ebling vom Westpfalzklinikum Kaiserslautern, KH-IT Mitglied und langjähriger Tagungsteilnehmer, benannte den Nutzen der Tagungs-Teilnahme. Dr. Stefan Max Walther, ehemaliger IT-Manager des Uni-Klinikums Düsseldorf, gab Impulse für Kollegen und den KH-IT-Vorstand.

Der Bundesverband veranstaltet jährlich zwei Tagungen für seine Mitglieder, eine Frühjahrstagung im Mai und eine Herbsttagung im September. Wegen der bundesweiten Tätigkeit des Verbandes und dabei praktizierten Nähe zu den Mitgliedern finden die Tagungen an wechselnden Orten in allen Regionen Deutschlands und stets in Anbindung an Kliniken statt. Die Veranstaltungen werden mittwochs (ab mittags) und donnerstags (ganztags) durchgeführt. Dies erleichtert die An- und Abreise bei gleichzeitig ausreichendem zeitlichem Rahmen für Inhalte, Networking und interdisziplinären Austausch.





Feier zur 50-sten KH-IT-Tagung: Wolfgang Platter, Agfa Healthcare, bei seiner Ansprache als Hauptsponsor



Abendveranstaltung zum 50. Jubiläum



Moderator zum 50. Jubiläum Wolf-Dietrich Lorenz, Chefredakteur Krankenhaus-IT Journal
Fotos: Michael Thoss, Berlin

von Wolf-Dietrich Lorenz



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