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Veröffentlicht: 04.01.2018

Health-IT:

Ein Pionier erinnert sich

Zu Besuch bei Prof. em. Dr. med. Wolfgang Giere



Gespräch mit Prof. em. Dr. med. Wolfgang Giere (rechts) mit Hartmuth Wehrs, Herausgeber Krankenhaus-IT Journal

Wenn Professor Giere mit einer enormen Detailgenauigkeit und lebendig über die Anfänge und die Entwicklung der Informationstechnologie in Arztpraxen und Krankenhäusern berichtet, ist es so, als ob man selbst dabei gewesen wäre. Wir hatten die Gelegenheit mit ihm in seinem Haus in der Nähe von Wiesbaden zu sprechen und seine Erinnerungen aus erster Hand zu hören.


Die Geschichte beginnt exakt vor 50 Jahren, im Jahr 1968. Zu diesem Zeitpunkt machte er Schlagzeilen als er im Bethesda Krankenhaus in Duisburg den ersten "programmierten Arztbrief" entwickelte. Dies erfolgte auf einem IBM-360/30 mit dem Medium von Lochstreifen. Das war die Zeit, als Computer noch ganze Hallen füllten. Eine IBM 360/30 hatte sage und schreibe nur einen maximalen Kernspeicherausbau von 64 KByte (nicht MByte!). Die Preise in DM für eine derartige Anlage waren 7 stellig.

Dabei handelte es sich um einen Dokumentationsprozess, bei dem aus allen gespeicherten Patientendaten von der Patientenaufnahme über Anamnese und alle Befunde bis zur Abschlussbeurteilung der zugehörige Arztbrief aus den Daten per Programm vollautomatisch generiert wurde. Die Regionalpresse titelte damals "Ein Elektronengehirn schreibt den Duisburger Ärzten Briefe". Dies, obwohl der promovierte Mediziner kein gesondertes Informatikstudium absolviert hatte, sondern sich das EDV-Wissen selbst beibrachte.


Aus "Bollerwagen mit Dynamo"- Erlebte Industrie- und Technikgeschichte, von Wolfgang Giere

Am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart entwickelte er das Arztbriefprogramm aus Duisburg weiter und systematisierte die Methodik und die Programmiersprache DUTAP (Dekodierungs-Und Text-Ausgabe-Programm).

In den 70er Jahren gab es ein Forschungsprojekt mit der Bezeichnung DOMINIG. Hierbei sollte die Möglichkeit der EDV-Unterstützung aller drei Medizinbereiche (Öffentliches Gesundheitswesen, Krankenhäuser, Niedergelassene Ärzte) und der Informations-Integration mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung untersucht werden. Auf Wunsch der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wurde Giere gebeten, den Antrag für DOMINIG-3, den Bereich der niedergelassenen Ärzte, zu formulieren. 1972 wurden 12 niedergelassene Ärzte online für die programmierte Befundschreibung an einen vom BMFT finanzierten "Großrechner" (max 256 KB) in der DKD angeschlossen. Deswegen bat die KBV Giere, den Antrag für Dominig III zu formulieren. Das Forschungsprojekt gilt heute als eine Art Initialzündung für die Computerisierung in Arztpraxen.



Kann auf 50 Jahre Computergeschichte zurückblicken: Prof. Giere in seinem Haus nahe Wiesbaden

OPS und ICD 10

Prof. Giere forschte auch im Bereich der Medizinischen Dokumentation und Klartextanalyse und gehörte neben Joachim Dudeck, Peter Reichertz und Karl-Theo Ehlers zur Generation der frühen Wissenschaftler in Deutschland und Europa, die in der medizinischen Datenverarbeitung wirkten. Giere kann als einer der Väter des OPS und des ICD 10 betrachtet werden.

Dazu kommt seit den 80er Jahren BAIK, die „Befunddokumentation und Arztbriefschreibung im Krankenhaus“, als Bund/Länder-Programm, langjährig in der Routine bewährt, zur Unterstützung einer der ersten elektronischen Patientenakten. Wolfgang Giere gewann internationale Bekanntheit durch seine Verdienste für das Massachusetts General Hospital Utility Multi-Programming System – MUMPS.

Das Programmiersystem MUMPS wurde ursprünglich überwiegend für Krankenhaus-Anwendungen verwendet. Typisch für Anwendungen aus dieser Zeit sind Programme, die auf einem Terminal laufen, ohne den Komfort grafischer Benutzeroberflächen und ohne Maus-Unterstützung. Damals war MUMPS den konkurrierenden Programmiersprachen in vieler Hinsicht überlegen. Eine Reihe von Praxiscomputer-Systemen der ersten Generation wurden in MUMPS programmiert.

Wechsel zur DKD

1969/70 wechselte Wolfgang Giere ins Klinisches Rechenzentrum der DKD (Deutsche Klinik für Diagnostik) in Wiesbaden, bei der er leitend als Prokurist tätig war. Siemens 4004/35 hieß der erste "Großrechner" in dieser Klinik. Er entsprach in etwa den Rechnern, die Giere aus Duisburg und Stuttgart kannte (IBM 360/30). Der maximale Arbeitsspeicherausbau betrug 64 KB. "Das kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen", meint Giere. Die Plattenkapazität hatte sich schon von 7 auf 30 MB pro Laufwerk gesteigert, insgesamt hatte er also 90 MB Speicherplatz im direkten Zugriff.

Berufen zum "Professor für Dokumentation und Datenverarbeitung", trat er am 1. Oktober 1976 den Dienst bei der Medizinischen Fakultät der Goethe-Universität Frankfurt im Universitätsklinikum an. Wie sich Giere erinnerte, begann die Arbeit beim Stande Null. Datenverarbeitung gab es bislang nur auf einem Magnetkontencomputer für die Verwaltung und über eine Remote-Job-Entry-Station am Hochschulrechenzentrum.

Wenn Giere auf 50 Jahre Computergeschichte in der Medizin zurückblickt, zeigt er sich insgesamt zufrieden, dennoch sieht er einige (Fehl-) Entwicklungen auch heute noch äußerst kritisch. Für ihn gibt es eine Reihe von Entwicklungen, die falsch oder nicht nachhaltig genug verlaufen sind. Er scheut sich auch nicht, diese beim Namen zu nennen. Von Intrigen und Kompetenzgerangel spricht er im Zusammenhang mit einem staatlichen Forschungsprojekt. Doch hier wollen wir Prof. Giere nicht vorgreifen. Er hat sich erfreulicherweise bereit erklärt, uns bei dem Fachbuch "Die Geschichte der Healthcare-IT" (erscheint 2018 im Antares Computer Verlag) Impulse zu geben und uns zu unterstützen. Hierfür laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.



Erscheint im Jahre 2018


Kurzvita

1936 geboren am 3. Februar in Königsberg (Preußen) als erstes von drei Kindern

1956 Beginn Studium generale am Leibniz-Kolleg d.U. Tübingen

1957 Beginn des Medizinstudiums in Tübingen

1961 Archivstudien in Montpellier, Rückkehr nach Tübingen, Aufenthalt in Marseille und Paris

1966 Approbation, Promotion, Umzug nach Duisburg: Ev. Krankenhaus Bethesda, hier entwickelte er die Idee vom "programmierten Arztbrief"

1968 "Programmierter Arztbrief" ab 1. Januar in Routine, Anstellung beim Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, Umzug nach Ottenbronn

1969 "MEDIUC Reprogrammierung, Anstellung beim Vorbereitungsteam der Deutschen Klinik für Diagnostik, Umzug nach Taunusstein

1970 Eröffnung der Deutschen Klinik für Diagnostik AG in Wiesbaden, Leiter von Organisationsteam, Archiven und Rechenzentrum, später Prokura

1975 Forschungsvorhaben "Dokumentations- und Informationsverbesserung für den Arzt
mit dezentralem EDV-Modul (DIADEM)"

1976 Ruf nach Frankfurt, ab 1. Oktober Professor (H4) für Dokumentation und Datenverarbeitung

1978 Bund-Länder-Vorhaben "Befunddokumentation und Arztbriefschreibung im Krankenhaus (BAIK)"

2000 Transatlantisches Gemeinschaftsvorhaben (EU und NTSF) »Multilingual Concept
Hierarchies for Medical Information Organization and Retrieval (MuchMore)«

2003 Emeritierung (im 68. Lebensjahr)

Das Gespräch führten Dagmar Finlayson (Redakteurin) und Hartmuth Wehrs (Herausgeber) vom Krankenhaus-IT Journal


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