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Veröffentlicht: 16.05.2018


Der Sturm im Wasserglas –

Aufregung um die eGK

Jeder Wechsel im Bundesministerium für Gesundheit und manch anderer Anlass wird gerne genutzt, um eines der typisch deutschen Großprojekte mal wieder krank zu reden. So auch im Umfeld des deutsche Ärztetages: Jens Spahn, der gerne als Raufbold im Ministeramt gesehen wird, durfte als Aufreger der Branche herhalten.

Tenor der Schlagzeilen im Blätterwald: der neue Gesundheitsminister will der eGK an den Kragen! Künftig wird das Smartphone als eGK genutzt! Die Kanzlerin verkündet das „Aus“ für die eGK! Kurz darauf die Kehrtwende – Gesundheitsminister Spahn will die Gesundheitskarte nicht einstampfen.

Bei der künstlich erzeugten Komplexität dieses Großprojekts ist es nicht erstaunlich, dass wichtige Details auf der Strecke bleiben. Die eGK ist keine technische Revolution, sondern eine ganz normale Chipkarte, auf der leider nur sehr wenige Daten verschlüsselt abgespeichert werden können. Das impliziert automatisch, dass auf dieser Karte keine Apps laufen werden und dass außer den zur persönlichen Identifikation notwendigen Daten und den Notfalldaten eigentlich nur noch ein magerer Medikationsplan Platz finden wird.

Spannend ist wie so oft das Geschehen im Hintergrund: da wird mit großen Druck ein bundesweites sicheres Netz für den Austausch von Gesundheitsdaten aufgebaut, die Telematik-Infrastruktur (TI). Die TI erlaubt den Betrieb von Anwendungen im Gesundheitswesen, bei denen die eGK als Identifikationsmerkmal zur Authentifizierung genutzt werden soll. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Feststellung, dass die Authentifizierung des Nutzers über eine Chipkarte technologisch eher von vorgestern als morgen ist, sollte nicht überraschen. Pläne, diese Funktion sicher aus dem Smartphone heraus zu ermöglichen, liegen bereits seit Jahren vor. Das wird auch bestimmt nicht die einzige technische Neuerung bleiben, der sich das Projekt stellen muss.

Die derzeitigen Strukturen der gematik und des Projekts passen zu deutschen Großprojekten – überformalisiert, extrem mit Erwartungen überladen, geradezu gelähmt von politischen und persönlichen Animositäten und Spielfeld politischer Rabauken sowie den üblichen Lobbyinteressen. Gerade letzteres und der Geburtsfehler der gematik, nur Rahmenrichtlinien, aber keine konkreten Umsetzungsvorgaben machen zu können, waren und sind ein Garant, dass die TI seit Jahren keine Fahrt aufnimmt. Ein Projekt, das die IT-Infrastruktur des Gesundheitswesens für die nächsten Jahrzehnte liefern soll, wird organisiert und betrieben, wie ein Ingenieurs-Projekt der 60er-Jahre.

Dass in diesem Umfeld interessierte Parteien Zitate von Politikern nutzen, um Verwirrung und Aufregung zu stiften, war zu erwarten. Fakt bleibt aber, dass dieses Projekt nach viel zu vielen Jahren der Verzögerung nun endlich dabei ist, einen echten Fortschritt zu erzielen. Auch wenn der Rollout der TI voraussichtlich nicht bis Ende 2018 abgeschlossen sein wird – was sind schon ein paar Monate bei einer Verspätung von Jahrzehnten ?

Die Abkündigung der Gesundheitskarte, der TI und der damit verbundene Stopp des gesamten Projekts würde die eHealth in Deutschland um viele Jahre zurückwerfen.

Wir sollten uns dafür einsetzen, den Rollout der TI schnellstmöglich abzuschließen und diese Plattform den Anbietern von Gesundheitsdiensten zu öffnen. Dann haben wir eine Chance, eine übergreifend spezifizierte elektronische Patientenakte zu bekommen, sowie die weiteren bereits geplanten Funktionen auf Basis der TI. Die Öffnung der TI für weitere Anbieter und die Neu-Ausrichtung des gesamten Projekts auf die Anforderungen der eHealth und der Interoperabilität gehören zu den dringenden Forderungen an die Entscheidungsträger. Alle weiteren und sicher notwendigen Schritte zur weiteren Modernisierung der Plattform können dann angegangen werden, während parallel dazu die Leistungserbringer im Gesundheitswesen und die Patienten endlich von den investierten Mitteln Nutzen haben werden.

Auch Gesundheitsminister Spahn will nur das tun, was er bereits bei der conhIT 2018 angekündigt hat: die Gesundheitskarte mit all ihren Facetten auf den Prüfstand stellen. Das kann bedeuten, dass als Ergebnis dieser Prüfung eine völlig andere Lösung vorgeschlagen wird. Aber das ist sehr unwahrscheinlich.

Vernünftiger und wünschenswert ist, dass der generelle Kurs beibehalten wird und die gematik dazu gezwungen wird, sich moderneren Verfahren zu öffnen. Zu hoffen bleibt, dass die verkrusteten Strukturen des Projekts ebenfalls moderneren Ansätzen weichen.

Jürgen Flemming, Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes der Krankenhaus IT-Leiterinnen/Leiter e.V., KH-IT e.V., Pressereferent

www.kh-it.de

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