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Veröffentlicht: 09.03.2020


FHIR erschließt für Anwender ganz neue Möglichkeiten

Digitalisierung: mit Standards zur Interoperabilität

FHIR eröffnet Anwendern und Anbietern im Gesundheitswesen neue Chancen. Wie weit Krankenhäuser mit dem FHIR-Standard vertraut und wie FHIR-Produkte auf dem deutschen Markt bereits vorhanden sind, skizziert FHIR-Expertin Simone Heckmann, Geschäftsführerin / CEO, Gefyra GmbH.


Simone Heckmann, Geschäftsführerin / CEO, Gefyra GmbH: „Mir ist es wichtig, dass die Krankenhäuser FHIR als eine Chance sehen, aktuelle Probleme und Herausforderungen wie z.B. Vendor-Lock-In, Patienten-Teilhabe und integration mobiler Anwendungen anzugehen und nicht nur als "schon wieder ein neuer Standard".

Wie weit ist FHIR in Deutschland vorgedrungen? Wie sind Krankenhäuser mit dem Thema vertraut? Wie weit zieht die Industrie mit?

Simone Heckmann: Das Interesse an FHIR ist derzeit enorm. Als Anbieter von FHIR-Schulungen spüren wir bei Gefyra seit einigen Monaten einen sprunghaften Anstieg der Nachfrage.

Wir sehen derzeit zweierlei Ursachen: Einerseits nimmt die Anzahl der Szenarien, in denen Hersteller FHIR-Schnittstellen in einem bestimmten Zeitraum umsetzen müssen zu. Hier sei zum Beispiel die KBV-Spezifikationen zur Archiv-und Wechselschnittstelle genannt.

Andererseits erkennen Hersteller aber auch den Nutzen von FHIR zu rein internen Zwecken. Zunehmend tritt FHIR anstelle von proprietären REST-Schnittstellen, wenn Hersteller zum Beispiel eigene Webapplikationen oder mobile Apps an ihre Back-End Infrastruktur anbinden wollen. Sehr häufig hören wir den Satz "das hätten wir vor zwei Jahren wissen sollen" wenn wir FHIR in Software-Unternehmen vorstellen. Die Entscheidnung, bereits implementierte, proprietäre Schnittstellen durch FHIR abzulösen, bringt mittelfristig zwar großen Nutzen, weil man mit den vordefinierten, wiederverwendbare Komponenten, die FHIR bietet, schneller enwickeln kann, aber die Ablösung bereits etablierter Lösungen kostet kurzfristig zunächst Zeit und Geld. Diese Umstellung in die Roadmap einzutakten, dauert daher einige Zeit.

In beiden Fällen, dringt FHIR derzeit aber noch nicht spürbar zum Anwender durch. Bisher ist der Kreis der Krankenhäuser, die sich intensiv mit dem Thema befassen auf die Universitätskliniken begrenzt, die FHIR im Rahmen der MI-Initiative für die Bereitstellung von klinischen Daten für die Forschung nutzen.

Doch das wird sich im Laufe des Jahres, wenn Cerner und SAP erste Produkte mit FHIR-Schnittstellen ausrollen, sicherlich ändern.

Welche Chancen bietet FHIR Anwendern sowie Anbietern im Gesundheitswesen?

Simone Heckmann: Der größte Zukunftspotential von FHIR ist die Wiederverwendbarkeit der einzelnen Bausteine des modularen Standards. Bisher haben Hersteller das Datenobjekt "Diagnose" etliche Male implementiert: Als DG1-Segment einer HL7 V2-Nachricht zum Versand an die Subsysteme, als CDA-Artefakt für den strukturierten Arztbrief, als CSV-Datensatz für die §301-Schnittstelle, als XML-Datei für die Krebsregistermeldung...

In FHIR kann ein und das selbe Objekt immer wieder verwendet werden, indem man es einfach "umverpackt". Mal als Bestandteil einer Nachricht, mal als Eintrag in einem strukturierten Dokument, mals als Teil eines Melde-Datensatzes.

Das erfordert natürlich eine Konvergenz der Technologie auf seiten der Spezifikationen, die mittlerweile zwar in einigen, aber noch nicht allen Bereichen absehbar ist.

Weiterhin ist FHIR ein Standard mit einer großen und sehr aktiven weltweiten Community.

Die Verfügbarkeit von Code-Bibliotheken, Beispielimplementierungen, Open-Source-Servern und Testskripten macht FHIR - obgleich komplex - dennoch schnell implementierbar.
Allein die Tatsache, dass sich ein Entwickler an die Community wenden kann, wenn ein Problem oder eine Frage auftritt und dort Gleichgesinnte findet, die eine Idee oder sogar eine Lösung parat haben, spart bei der Entwicklung viel Zeit.

Für die Anwender erschließt FHIR in Zukunft ganz neue Möglichkeiten, Softwaresystem zu individualisieren. Anstatt monatelang beim Hersteller eines KIS-, PVS- oder Subsystemes auf die Umsetzung eines gewünschten Features zu warten, macht es FHIR in Verbindung mit dem SMART-Framework möglich, einfach die App eines Drittherstellers zu integrieren, die diese Funktionalität abbildet. Das heute schon weit verbreitete Prinzip des "Fremdaufrufes" wird künstig ersetzt werden durch eine standardisierte, enge Integration webbasierter Lösungen in klinische Primärsysteme.

In anderen Industrie-Bereichen ist dieses Prinzip der “offenen API” längst üblich. Fast jede Branchenlösung kommt heute mit ihrem eigenen Appstore daher, über den sich gewünschte Zusatzfunktionen integrieren lassen, ob CRM-Syste, Buchhaltungssoftware oder Kollaborationsplattform. In kaum einer Industrie sind die funktionellen Anforderungen der Anwender so verschieden wir im Gesundheitswesen. Daher ist das Weiterdenken klinischer Primärsysteme zu offenen Plattformen eine längst überfällige Entwicklung.

Gibt es FHIR-Produkte auf dem deutschen Markt mit tatsächlicher Kompatibilität zum FHIR-Standard?

Simone Heckmann: Zunächst gibt es keine "tatsächliche Kompatibilität" zum FHIR-Standard. FHIR ist lediglich ein Framework, in dem vieles offen und fast alles optional ist. Dies ist auch einer der am häufigsten geäußerten Kritikpunkte an FHIR. Für einen internationalen, domänen-übergreifenden Standard, der in allen Bereichen des Gesundheitswesens einsetzbar sein soll, ist diese Offenheit jedoch eine notwendige Voraussetzung.

Kompatibilität entsteht in FHIR durch die Verwendung von Implementierungsleitfäden, die die Nutzung von FHIR in einem ganz konkreten Szenario beschreiben und die dafür erforderlichen Mindestanforderungen (Pflichtfelder, API-Funktionen, Terminologien) definieren.

Diese Prinzip ist nicht neu. Auch CDA ist ein Standard, der erst durch die Erstellung eines Leitfadens konkret implementierbar wird. Für HL7 V2 waren es oft die IHE-Profile, die Interoperabilität zweier System gewährleisten konnten (man denke hier zum Beispiel an das Radiologische Order-Entry-Profil).

Was FHIR jedoch besser macht, als alle bisherigen Standards, ist die Tatsache, dass die Implementierungsleitfäden ein integraler Bestandteil des Frameworks sind. Sie sind nicht nur ein "Beipackzettel" sondern selbst standardisierte, maschinenlesbare Spezifikationen, gegen die man Instanzen unmittelbar auf Kompatibilität testen kann.

Solche konkreten Implementierungsleitfäden haben wir in Deutschland zum Beispiel in Form der KBV-Spezifikationen für die Verordnungs- und Archiv-/Wechselschnittstelle, oder der KV Telematik-Spezifikation für den eTerminservice, deren Umsetzung durch die Hersteller bis Ende 2020 erfolgen muss. Weitere Leitfäden aus der Feder der Medizininformatik-Initiative liegen inzwischen vor und werden derzeit durch die Hersteller, die an den Konsortien beteiligt sind, implementiert.

Wie können sich Anwender an der Weiterentwicklung beteiligen?

Simone Heckmann: Die wichtigste Form der Beteiligung ist das Mitreden! Auf der Internationalen Community-Plattform http://chat.fhir.org gibt es inzwischen vier verschiedene deutschsprachige Unterforen:

“german(d-a-ch)” für allgemeine Diskussionen mir Relevanz im deutschsprachigen Raum,

“german/mi-initiative” für den Austausch von Beteiligten an der Mi-Initiative,

“german/kbv” für Entwickler und Anwender der KBV-Spezifikationen und

“german/terminologie” für alle Fragen rund um die Auswahl und Nutzung von Terminologien.

Aus den Anforderungen der deutschsprachigen Community heraus gibt das technische Komitee von HL7 Deutschland regelmäßig Änderungs- oder Verbesserungsvorschläge in den internationalen Standard ein.

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