Teilnehmerbericht: Kongress der Süddeutschen Zeitung

Datum 02.10.2017 11:08:53 | Thema: News/Newsarchiv


Digital Health –

Gesundheit neu denken

Teilnehmerbericht: Kongress der Süddeutschen

Zeitung vom 26.-27.9. in München

"Das Auto der Zukunft ist eine App" - Neues Denken ist auch im Gesundheitswesen erforderlich.



Kongress-Saal



170 Teilnehmer in einer breiten Zusammensetzung aus Verbänden, Kliniken, Niedergelassenem Bereich, Apotheken, Industrie und Dienstleistung, Versicherung, Kostenträger, KV, Ärztekammer und Politik diskutierten zwei Tage lang zum Thema Digital Health - Gesundheit neu denken. In Impulsvorträgen und Podiumsdiskussionen, moderiert von Kim Becker, Redakteur Innenpolitik (Gesundheitspolitik) und Marc Beise, beide Süddeutsche Zeitung, wurden die Teilnehmer zu den Themenkomplexen Telemedizin, Krankenhaus der Zukunft, Digitalisierung in der Pflege, BigData und zu Innovationen im Gesundheitswesen informiert und involviert.




Podiumsdiskussion mit Dr. Kim Björn Becker, Süddeutsche Zeitung (Bild rechts)


Als Fazit der zwei Tage lässt sich zusammenfassen:
Digitalisierung macht Quantensprünge und birgt ein gigantisches Potential in Effizienz und Produktivität, viele Lösungen sind bereits verfügbar, aber noch nicht im Gesundheitswesen angekommen. Es fehlt an Voraussetzungen (Breitbandausbau), Gouvernancerichtlinien für die Umsetzung und investiven Mitteln. Umfangreiche Normierungen zu IT-Sicherheit und Datenschutz, fehlende einheitliche Standards und Schnittstellen sowie föderale Strukturen verzögern Umsetzungen, die technisch bereits realisierbar wären. Soweit ist die Erkenntnis für die Leistungserbringer, die dringend auf Lösungen warten nicht neu, sie entspricht täglichem Erleben.
Wie es scheint, ist das Thema Digital Health bei der Regierung mittlerweile auch angekommen, Holger Rostek, KV Brandenburg, stellt die Frage in den Raum, die alle interessiert: „Warum geht es nicht weiter?“
Eine mögliche Antwort liefert in gleichsam humorvoller wie mahnender Weise Clemens Auer vom Bundesministerium für Gesundheit Österreich: Deutschland neigt zur Übernormierung. So können die gesetzten Sicherheitsanforderungen in die Telematik Infrastruktur kaum erfüllt werden. In Österreich wurde in der Vergangenheit ein interoperabler E-Health-Raum geschaffen. 99% der Österreicher sind in dieser Public Infrastructure erfasst, die Gesundheitsdaten werden über ein zentrales Berechtigungssystem gesteuert ausgetauscht. Deutschland sei dagegen und im Vergleich zu Österreich eine Digital-Health-Wüste. „Die dezentrale Selbstverwaltung in Deutschland kann ja funktionieren, aber es braucht Leadership.“




Podiumsidiskussion mit Moderator Dr. Kim Björn Becker


Immer wieder thematisiert: Vernetzung, Interoperabilität, die Aufhebung der Sektorengrenzen. Nach Ansicht von Andreas Pötzl, Unternehmen Gesundheit ist die Einzelpraxis kein Zukunftsmodell mehr. Umso mehr sei es erforderlich, dass die Ärzte Patientendaten schnell untereinander und unter den Behandlungspartner austauschen und verfügbar machen können. Nach Absicht von Tino Großmann, CompuGroup, verfügt die Industrie über Lösungen, vieles sei bereits möglich und viele Daten seien vorhanden, diese Daten finden aber nicht über standardisierte Interaktion zusammen.
Die IT-Verantwortlichen der Kliniken sehen sich der Situation von zu geringen Budgets bei schwer rekrutierbaren Fachkräften ausgesetzt. So wie ein Euro nur einmal ausgegeben werden kann, kann auch nur eine Mitarbeiterstunde einmal eingesetzt werden. Die Neuregelungen des IT-Sicherheitsgesetzes für Betreiber Kritischer Infrastrukturen binden Ressourcen, die nicht für Digitalisierungsprojekte eingesetzt werden können. Krankenhäusern fehlt häufig die Planungsperspektive über mehrere Jahre, um in IT zu investieren. Investitionsmittel von 1-3% der Klinikbudgets sind zu gering, um Innovationen nach vorn zu bringen – und wenig attraktiv für Entwicklungspläne der Industrie.



Die Themen bieten genug Diskussionsstoff

Neben der als zu gering empfundenen technischen Flexibilität der Industrie wird der Datenschutz als eine Lösungsbremse identifiziert. Konsens besteht darin Datenschutz als Patientenschutz und damit als eine erforderliche Notwendigkeit zu würdigen. Die Ausgestaltung hingegen muss nach Aussage vieler Teilnehmer durchlässiger werden, um Hürden zu verringern. Vorgeschlagen wurde z.B. der persönlich erklärbare Verzicht auf Datenschutzbegrenzung beim Austausch persönlicher Gesundheitsdaten - der Verzicht soll in einem schmerzfreien gesunden Zustand erklärt, dokumentiert und mitgetragen werden können - ähnlich einem Organspendeausweis oder erweitert in diesem vermerkt.



Podiumsdiskussion

Wie sieht es aus mit der Telemedizin in Europa?


Angelo Eggli, Medi24, berichtet aus der Schweiz, wie Patienten durch eine Arztpraxis rein telemedizinisch beraten werden. Ein durchschnittliches Telefongespräch mit der medizinischen Fachperson dauert 7 Min, eine Triage-Software reagiert im Verlauf des Gespräches auf die Antworten und führt eine Einstufung durch. 62% der Anrufe münden in einer Selbstbehandlung ohne darauffolgende Arztkonsultation. 350.000 telemedizinische Konsultationen sind in 2017 bisher erfolgt, finanziert wird die Leistung durch Krankenversicherer über Prämienrabatte. Für England stellt David Meinertz - Dr. Ed -eine telemedizinische Arztpraxis in London vor. In einem skalierten Fragenmodell werden Patienten zu ca. 50 Erkrankungen beraten, erhalten (digitale) Rezepte, in ca. 20-25% werden Patienten an einen Kollegen vor Ort verwiesen. 75.000 Patienten pro Monat -auch aus Deutschland- nutzen das Angebot. In Deutschland verbieten die Berufsordnung der Ärzte und § 9 Heilmittelwerbegesetz bisher die ausschließliche Fernbehandlung. Die KV Baden-Württemberg hat nach Bericht von Ulrich Clever, Landesärztekammer BW, reagiert und einen Antrag für Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes mit Blick auf Hausärztlichen Notdienst gestellt. Es gelte Vorbehalte abzubauen, die telemedizinische Beratung in den Schlaganfallnetzen wie z.B. TEMPIS zeige bereits funktionierende Modelle.
Auch für die Pflege digitalisiert sich einiges - Digitale Lösungen zur Vermeidung von Hospitalisation, Lösungen zur Unterstützung von embedded assisted Living haben gute Entwicklungsstände. Andreas Keibel, KUKA Roboter GmbH, stellt Entwicklungen in Pflegerobotik vor – Lösungen zur Unterstützung insbesondere in den Bereichen Reha und Senioren, im häuslichen Bereich, Hilfe bei der Orientierung, beim Toilettengang. Wie immer wieder zu hören ist gelingt auch hier der Investitionstransfer nicht. Das Investementrisiko ist für Firmen nicht überschaubar, da die Marktteilnehmer Patient - Krankenkassen - Krankenhäuser für diese Lösungen kein Geld ausgeben. Fazit: Es gibt Lösungen, in Praxi kommen die technischen Lösungen noch viel zu wenig an, die Kapitalkraft wird dafür nicht aufgewendet. Politisch kommt für die Pflege nur langsam Fahrt auf. Als größte Berufsgruppe und von einschneidendem Personalmangel bedroht ist die Pflege nicht im Gemeinsamen Bundesausschuss vertreten und sie ist im Berechtigungskonzept der Gesundheitskarte nicht vorgesehen – wird lange soll das so bleiben? Andreas Westerfellhaus, Dt. Pflegerat, konstatiert „Digitalisierungslösungen können die Pflegekräfte entlastend flankieren und damit den zunehmenden Pflegekräftemangel in Altenheimen, Reha und Kliniken kompensatorisch entschärfen, aber bei der Pflege kommen die Lösungen kaum an“ und informiert zur bevorstehenden konstituierenden Gründungskonferenz der Bundespflegekammer in Berlin. Bayern hat als erstes und bisher einziges Bundesland ein Staatsministerium für Gesundheit und Pflege etabliert, im Auditorium vertreten durch den leitenden Ministerialrat Andreas Ellmaier.



Industrieausstellung

Erfrischend präsentiert sich die Vorstellung der StartUps, z.B. das Produkt Femisphere. David Schärf, OneLife Health GmbH, stellt die APP vor, die Mütter während der gesamten Schwangerschaft und Mutterzeit begleitet, Ultraschallbilder, Termine und Informationen vorhält. Innovativ und bereits im Feldeinsatz die APP-Lösung Multimodale Schmerztherapie zur digitalen Behandlung von Rückenschmerzen, die Moritz Weisbrodt, Kaia Health Software GmbH, vorstellt. Nach einer internen Studie mit 200 Teilnehmern konnte nach 20 Tagen Therapieteilnahme eine durchschnittliche Schmerzlinderung von rund 40% erzielt, Arbeitsunfähigkeitstage vermindert werden. Mit dem dt. Medienpreis Depressionshilfe ausgezeichnet ist die APP-Lösung, die Kristina Wilms, Arya mHealth UG, vorstellt. Die APP stellt sich als empathische Begleitung, zur Prävention und als Monitoring für Patienten mit Depression vor.



Veranstaltungsort: Süddeutscher Verlag München


Wie gelangen digitale Innovationen in die Regelversorgung?Regulationen, Datenschutz, IT-Sicherheit behindern den Marktzugang damit den Access Arzt-Patient. Andererseits erfordert es von den StartUps die Bereitschaft sich an den Markt anzupassen. Kassen entscheiden nach dem wirtschaftlichen Nutzen einer Lösung, weniger AU-Tage, weniger stationäre Fälle, weniger Medikamentenverordnung. Diesen Nachweis müssen die Lösungen liefern, aber wann kommt es dann im Weiteren zur Umsetzung? Innovationstreiber ist nach übereinstimmender Meinung der Teilnehmer der Patient – der Wunsch nach Gesundheit on Demand; angetrieben von Amazon, Google, kommt bei immer mehr Patienten an und betrifft alle Sektoren des Gesundheitswesens, Kliniken wie Niedergelassene, Altenheime, Reha Einrichtungen, Apotheken, Nicht-ärztliche Heilberufe. Resümierend lässt sich daraus und abschließend die immer wieder zu hörende Erwartung an den Bundesgesundheitsminister formulieren: „Rahmenbedingungen schaffen für Interoperabilität und Digitalisierung auf die Straße bringen - Jetzt!“.

von Gabriele Döhn





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