Digitale Realität schaffen für Klinik und Patienten

Datum 12.03.2020 04:30:00 | Thema: News/Newsarchiv


Digitale Realität schaffen für Klinik und Patienten

Der Führungskräfte-Kongress Meeting-am-Meer 2020



Plenum

Einblicke in die Krankenhaus-Praxis, Impulse der Lösungsanbieter – die Big Points, waren Inhalt des Meetings am Meer 2020. Dabei standen der digitale Patient und digitale Services im Mittelpunkt der Führungskräfteveranstaltung in Heiligendamm an der Ostsee. Was ein künftiges Krankenhaus auszeichnet, definierten Experten, Wissenschaftler und Praktiker. Sie gaben Klinikverantwortlichen konkrete Handlungsempfehlungen für die digitale Transformation und ihre Umsetzung: Was lohnt - und was nicht? Veranstalter war Prof. Dr. Wolfgang Riedel, Institut für Krankenhauswesen – IfK.


Weniger Bürokratie, effizientere Prozesse, höhere Mitarbeiterzufriedenheit, mehr Zeit für wertschöpfende Aufgaben und Patienten, bessere Medizin und eine bessere Behandlung – dadurch wird sich das Krankenhaus der Zukunft auszeichnen. Inspiriert von digitalen Trends können technische Innovationen auch im Krankenhaus einen wertvollen unterstützenden Beitrag zur Bewältigung akuter und kommender Herausforderungen leisten.

Prozesse und Strukturen im Krankenhaus der Zukunft werden automatisiert, digitalisiert, integriert und vernetzt, Entscheidungen werden dezentralisiert und autonom getroffen. Vision und Realität nähern sich an. Dazu bedarf es drei Voraussetzungen: IT-Infrastruktur, qualifizierte Fachkräfte und eine ganzheitliche Digital-Strategie.


ehealth-Trends, neue Player


Wie sich auch die Landschaft der IT-Lösungsanbieter ändert, verlagert sich die Position der Kliniken durch Vernetzung der Akteure. Sie stehen nicht mehr im Mittelpunkt. Künftig ist es der Patient, der den Ton angibt. Zugleich gewinnen die Patienten-Daten in nicht nur Kliniken an Bedeutung. Diagnostik, Behandlungsvorschläge, Therapieüberwachung etc. erfolgen in Zukunft datengestützt. Dieser digitale Wandel ruft neue Player auf den Markt. Zu den IT-Giganten zählen Alphabet. Facebook oder auch Microsoft. Start-ups belegen entscheidende Plätze. Diese neuen Akteure erlangen die Hoheit über die Patientendaten und die sie analysierenden KI-Systeme. Auf Big Data werden völlig neue Geschäftsmodelle basieren. Der medizinische Fortschritt wird den Fokus von einem tendenziell eher krankenheitsorientierten auf ein gesundheitsorientiertes System legen.

Hemmschwellen für Digitalisierung

Was die Digitalisierung in Deutschlands Kliniken hemmt, ist bekannt. „Föderale Politik als Hemmnis des Strukturwandels, unterfinanzierte Krankenhäuser und kaum digital vorbereitete Krankenhäuser mit CEO voller IT-SKepsis“, postulierte Prof. Riedel. Und weiter: Veraltete ITK-Strukturen, viele Netze, aber wenig Internet Protokolle, kurz Prozesse wie vor 50 Jahren. Dem Personal fehlen IT-Kenntnisse, es mangelt an der Wertschätzung für Digitalisierung. Grund ist wohl, dass der Nutzen monetär oft schwer bewertbar und refinanzierbar ist, Vorteile ergeben sich oft erst längerfristig. (Hören Sie das Interview mit Prof. Riedel.)


v.li.:Prof. Dr. Wolfgang Riedel und Wolfgang Bosbach

Digitale Zukunft für Kliniken


Neue Strategien für Digitalisierung und herkömmliche IT-Konzepte infrage zu stellen sind für Kliniken überlebenswichtig. „Ohne zusätzliche Investitionsmittel wird dies nicht funktionieren, es zahlt sich aber bei richtiger Auswahl der Schwerpunkte schnell aus“,meinte Dr. Frank Wartenberg, IQVI. Dabei zeigten sich Einsparpotentiale, etwa im Pflegebereich. „Zu Kernpunkten zählen vereinfachte Arbeitsabläufe und individualisierte Medizin. Hierbei spielen moderne digitale Services für Patienten eine entscheidende Rolle.“ Die digitale Zukunft für Kliniken in Deutschland bedeutet: Jedes Haus muss eine individuelle IT-Strategie für sein Zielkonzept erstellen. Dazu sind die vorhandene Umgebung und die Möglichkeiten zur Optimierung von Prozessen und medizinischer Datenhaltung zu berücksichtigen. Digitalisierung wird künftig zum Wettbewerbsfaktor im Gesundheitswesen. (Hören Sie das Interview mit Frank Wartenberg.)

Dr. Frank Wartenberg, IQVI


Vom KIS zum Smart Hospital


Die IT muss sich den neu definierten Prozessen anpassen und damit auch Nutzer entsprechend unterstützen. Vorwärtsweisend ist es, Daten aus den unterschiedlichen Hersteller-Silos zusammenzuführen und dabei sowohl besser zu strukturieren als auch internationale Standards für Datenformate zu nutzen. Nach wie vor sehen sich jedoch Nutzer in Krankenhäusern mit Systemarchitekturen konfrontiert, die die interdisziplinären medizinischen und organisatorischen Prozesse behindern, anstatt sie zu verbessern. Die Vielfalt von Applikationen sorgt zum einen für hohen administrativen sowie technischen Aufwand. Zum anderen erhöhen Faktoren, die sich durch Komplexität von Systemen ergeben, die Risiken im Bereich der Informations- und Datensicherheit, der Anwenderfehler sowie der möglichen Inkompatibilitäten von Systemschnittstellen und Datenformaten. Diese Faktoren behindern den digitalen Prozess und können ihn nicht selten zum Erliegen bringen.


Einer der möglichen Gründe: „Bei digitalen Transformationsprojekten lassen sich häufig fehlende Strukturen beobachten“, bemängelte Prof. Dr. Thomas Jäschke, FOM Dortmund. „Die Prozesse sind vielfach nicht transparent, doch erst dadurch kann es zu einer Optimierung kommen“, ergänzte Hendrick Riedel. Digital Avantgarde. Beide Experten unterstützen daher Krankenhäuser bei der Strategieentwicklung. Sie betonten: Erforderlich seien strukturelle und prozessuale sowie auch kulturelle Veränderungen. Ziele sind bessere Transformationsfähigkeit, schnellere Anpassung und erfolgreiche Innovationen.

v.li.: Prof. Dr. Wolfgang Riedel, Hendrick Riedel. Digital Avantgarde, und Prof. Dr. Thomas Jäschke, FOM Dortmund

Change Management - Bereitschaft zur Veränderung

Den Fokus bei digitalen Innovationsprogrammen und innovativen Projekte beschrieb Prof. Riedel. „Am Anfang neuer Digitalisierungsstrategien sollte immer eine Bewertung der heutigen Prozesse in Kliniken stehen.“ Die Bereitschaft zur Veränderung mangelhafter Prozesse und dem Einsatz digitaler Lösungen und Techniken ist der nächste Schritt, nicht umgekehrt. „Nicht Software und Hardware sind Maßstab für modernes IT-Management, vielmehr optimale Prozesse für Personal und Patienten. Hier sind ganzheitliche Strategien gefragt. Dabei sollte nicht jede Klinik alles neu erfinden, sondern vielmehr auf bewährte Standards setzen.“ Und immer wieder sollte der Anwender bei einer Digitalisierungsstrategie im Blick stehen. Seine Erfahrungen dazu gab Torsten Emmerich aus dem St. Johannes-Hospital Dortmund, an die Krankenhausverantwortlichen weiter. Er merkte an: „Zu den Problemen der Prozess-Digitalisierung gehört die Verschiebung der Arbeit zu Lasten anderer, also wenn ein Bereich viele Prozess-Schritte tun muss, jedoch damit ein anderer davon profitiert.“ Torsten Emmerich empfahl, hier das Gleichgewicht zu schaffen. (Hören Sie das Interview mit Torsten Emmerich.)

Torsten Emmerich aus dem St. Johannes-Hospital Dortmund

v.li.: Christian Wolf, VISUS, und Torsten Emmerich

Durch IT die Pflege entlasten


Es gibt offenbar einen Mangel an Pflegefachpersonen, aber besonders einen Mangel an gut ausgebildeten Pflegenden, die unter den aktuellen Bedingungen noch bereit sind, zu arbeiten. Eine Optimierung der Arbeitsabläufe ist nötig. Digitale Anwendungen sollen den Arbeitsalltag vereinfachen. Heiko Mania geht es darum, Aufwände durch IT von der Pflege fernzuhalten. „Ein digitalisierter Pflegeprozess kann die Pflege nicht nur entlasten, er macht die Pflege messbar, steuerbar, effizienter und sicherer,“ ist der Geschäftsführer NurseIT Institute sicher. Wie sich nämlich zeigt, verlangen Pflegefachkräfte digitale Unterstützung wie beispielsweise Closed-Loop-Medication. „Mit einer Pflege-Expertenplattform sichert sich die Klinik zusätzliche Erlöse und steigert die Attraktivität des pflegerischen Arbeitsplatzes.“ (Hören Sie das Interview mit Heiko Mania.)



Heiko Mania, Geschäftsführer NurseIT Institute

Strategie und Leuchtturmprojekte


Die Rolle der Kliniken im digitalen Gesundheitswesen wandelt sich. Digitales Krankenhaus, Smart Hospital und digitaler Patient - dabei kann das Management seiner Rolle in der digitalen Transformation gerecht werden kann, wenn sie diese aktiv vorantreibt und ein zukunftweisendes Mindset etabliert. Informrmations- und Kommunikationstechnik im Krankenhausbereich gehören zu den strategischen Faktoren. Big Points einer IT-Strategie verlangen das Personal aller Berufsgruppen früh einzubinden, Leuchtturmprojekte auszuwählen und zu realisieren, wobei es zunächst um ein digitales Teil-Krankenhaus geht, also nicht gleich ein ganzes Haus umzustellen. Dabei verbindet Software Patienten, Familien und Ärzte am Behandlungsort und darüber hinaus miteinander. (Hören Sie das Interview mit Prof. Dr. Bertram Häussler, IGES Institut.)


Prof. Dr. Bertram Häussler, IGES Institut

Nur wenige Krankenhausdirektoren sind IT-affin. Ein Beispiel ist Krankenhausdirektor Bernhard Ziegler, Klinikum Itzehoe. Sein Credo: „Wirtschaftliche Zwänge und ein sich verschärfender Personalmangel erfordern neue IT-Strategien.“ Der Manager führte Nutzenbeispiele durch Digitalisierung auf. Zugleich unterstrich er die Balance zwischen Nutzen und Kosten. „Nicht zuletzt ist moderne Technik Anreiz und Wettbewerbsvorteil, gerade für rare Fachkräfte.“ (Hören Sie das Interview mit Bernhard Ziegler.)

Bernhard Ziegler

Mit „Deutschland und Europa in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung“ stellte Wolfgang Bosbach, MdB a. D., den großen Zusammenhang her. Er blätterte einen ganzen Strauß von brisanten Aspekten auf, von Globalisierung und Umweltproblemen über Brexit bis zu internationaler Diplomatie. Topic war ebenfalls Digitalisierung. Sie bewegt seiner Ansicht nach das Gesundheitswesen. Der Politiker mahnte kritisch: „Wir verlieren den Blick auf den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhang. Hier treffen Digitalisierung, Ökonomie und Gesundheitswesen zusammen. Es ist mit Blick auf die unterschiedlichen Interessenslagen eine falsche Annahme, dass der Markt es richtet.“ Und Bosbach resümierte: „Gesundheit wird teurer.“

Wolfgang Bosbach, MdB a. D.

Mut zur Patienten-IT


Digitalisierung für Anwender im Krankenhaus, Einblicke in die KH-Praxis, Impulse der Lösungsanbieter – die Big Points, waren Inhalt des Meetings am Meer 2020. Management und Digitalabteilungen können als Innovatoren neue Potenziale für nachhaltige digitale Lösungen im Diagnose- und Therapieprozess identifizieren. Online-Plattformen für die künftige Hauptperson bekommen hohe Bedeutung: Wichtig ist , den „Kunden“ Patienten über den Behandlungsverlauf zu informieren, den Patientenkomfort und die Patientenzufriedenheit zu steigern. Digitalisierung der Krankenhäuser – warum tun sich die Kliniken so schwer? Antworten beim Meeting am Meer waren vielschichtig und erhellend. Zu Digitalisierung und Prozessunterstützung gehört nicht zuletzt eine gewisses Maß an Mut: „Damit lässt sich nachhaltige Wertschöpfung ermöglichen, gerade bei digitalen Services rund um den Patienten“, betonte Veranstalter Prof. Riedel.


www.meeting-am-meer.de





Themen und Referenten


Das Digitale Krankenhaus in Deutschland – vom KIS zum Smart Hospital

Der digitale Patient – neue Strategien und Lösungen mit digitalen Patientenservices

Prof. Dr. Wolfgang Riedel, IfK Braunschweig


Digitale Trends im Gesundheitswesen

Dr. Frank Wartenberg, IQVIA


Erfolgreiche Digitalisierung – Struktur, Agilität und Wirtschaftlichkeit im Spannungsdreieck

Prof. Dr. Thomas Jäschke, FOM Dortmund, Hendrick Riedel. Digital Avantgarde


Digitalisierungsstrategie am Beispiel Klinikum Itzehoe: Selbstzweck oder praktischer Nutzen?

Bernhard Ziegler, Klinikum Itzehoe


Digitalisierungsstrategie in einem großen Klinikum am Beispiel Kardiologie – ein Erfahrungsbericht

Torsten Emmerich, St. Johannes-Hospital Dortmund


Digitales Versorgungsmanagement: Herausforderungen, Lösungsansätze und Erfahrungen der Knappschaft

Dr. Philipp Gohmann, DRV Knappschaft Bahn-See


„PPSG &CO“, so kann Digitalisierung das Pflegecontrolling optimieren!

Heiko Mania, NurseIT Institute





Digitalisierung – neue Chancen für alle Akteure im Gesundheitswesen

Jürgen Jöst, Volker Krämer, Avaya



„Digitalisierung im Gesundheitswesen“ - Deutschland und Europa in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung

Wolfgang Bosbach, MdB a. D.


Die Rolle der Kliniken im digitalen Gesundheitswesen

Prof. Dr. Bertram Häussler, IGES Institut


Digitalisierung, Exponentialisierung und disruptive Innovation in Gesundheitswesen und Medizintechnik: Die Ära der Magnesium-Technologie hat begonnen

Prof. Dr. Martin Kirschner, Syntellix AG

Sichere und effiziente Kommunikation im Gesundheitswesen

Luiza Dobre, Komed Health AG

Digitale Patientenservices am Beispiel Telefonie, Infotainment und sonstigen Apps

Roger Hafner, Spital Thurgau, Birgit Murkowski, BerLinux


Was bedeutet „Digitalisierung“ für das Pflegepersonal und den Patienten?

Harald Trautwein, Spectralink


Digitalisierung – neue Chancen für Akteure im Gesundheitswesen

Jürgen Jöst, Volker Krämer, Avaya

Weitere Impressionen

Abendveranstaltung

Diskussionsrunde: Krankenhausdirektor Bernhard Ziegler, Klinikum Itzehoe, Christoph Becker, Geschäftsführer, Business Development, CGM, Prof. Dr. Thomas Jäschke, FOM Dortmund

Moderator Wolf-Dietrich Lorenz, Chefredaktion Krankenhaus-IT Journal

von Wolf-Dietrich Lorenz




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