Krankenhaus IT-Journal EXTRA vom 29.11.2004

Datum 29.11.2004 13:40:00 | Thema: KH-IT Journal Extra

Paukenschlag“ zur MEDICA: Agfa kauft GWI
Mit einem Paukenschlag begann die diesjährige MEDICA (24.11. – 27.11.2004 in Düsseldorf) – zumindest, was den Krankenhaus-IT Markt betrifft. „Agfa kauft GWI“, ging das Gerücht um, das sich in rasender Geschwindigkeit bereits am Vorabend der Messe verbreitete.

Am Mittwoch, den 24.11.2004, dem ersten Messetag um 15.00 Uhr, wurde es dann offiziell. In einer ad-hoc-Pressekonferenz gaben Dr. Rüdiger Wilbert und Dr. Jörg Haas, beide Vorstände GWI AG, und Philippe Houssiau, General Manager Agfa HealthCare, bekannt, dass Agfa – vorbehaltlich der Zustimmung der Kartellbehörde – sämtliche Aktien der GWI AG zu Beginn des nächsten Jahres übernehmen werde. Die Aktien befinden sich im Besitz der Firmengründer Haas und Wilbert und dem Private Equity Investor GAP (General Atlantic Partners), deren Deutschlandchef Klaus Esser (Ex-Mannesm ann-Chef) ist.

Kaufpreis 256,5 + 95 Mio Euro


Der Preis setzt sich zusammen aus einem festen Kaufpreis von 256,5 Mio Euro und einem variablem Kaufpreis von 95 Mio Euro, der an das Erreichen bestimmter Unternehmenserfolge in der Zukunft geknüpft ist. Details dazu wollte Dr. Haas zu unserer Nachfrage auf der Pressekonferenz nicht nennen.
Von dem Kaufpreis werden – so vermuten Insider – 100 Mio Euro an GAP gehen. Den Rest erhalten Haas und Wilbert. GAP hatte sich Ende 1998 mit 50 Mio DM (etwa 25 Mio Euro) an GWI beteiligt. Hiermit ist GAP dann ausbezahlt.
Der variable Kaufpreis von 95 Mio Euro wird ausschließlich an die beiden Firmengründer ausbezahlt.
„All inclusive“ ist im Kaupreis alles, was die GWI und deren Akquisitionen in der Vergangenheit betrifft, jedoch nicht das in diesem Jahr bezogene großzügige Firmengebäude in Bonn-Oberkassel – direkt am Rhein gelegen. Das mit einer Bausumme von ca. 18 Mio. Euro errichtet e Firmengebäude bleibt weiterhin im Eigentum der Gesellschaft Bonn Visio, die wiederum den Gesellschaftern Haas und Wilbert gehört. Vermutlich wird das Gebäude Agfa in Form eines Mietvertrages überlassen werden.

Agfa plant, Bonn zum European Headquarter Healthcare auszubauen und die entsprechenden Abteilungen von Köln nach Bonn umziehen zu lassen. Das Firmengebäude verfügt über eine Nutzfläche von 7700 qm von denen die GWI bisher nur 4400 qm genutzt hatte. Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu hören war, gibt es bereits eine Roadmap für die Produkte von GWI und Agfa sowie die weitere Firmenpolitik.
Demnach soll:

·  die Gesellschaft „GWI AG an Agfa Company“ heißen,

·  die Vorstände Haas und Wilbert (aber auch Stephan Müller und Michael Rosbach) in ihrer Position als Vorstände verbleiben,

·  vermutlich ein dritter Vorstandskollege von Agfa dazukommen (heißer Kandidat: Philippe Houssiau),

·  von ORBIS das RIS übernommen werden,

·  das PACS in ein Produkt mit der Bezeichnung ORBIS-IMPAX-TIANI aufgehen,

·  das PACS im Jahr 2005 nur noch ORBIS-IMPAX heißen,

·  die Software von BOSS in einem Zeitraum von 2 bis 3 Jahren synergetisch in ORBIS aufgehen,

·  es den Namen „BOSS“ dann nicht mehr geben,

·  das erst kürzlich von Agfa übernommen französische KIS Symphonie On Line ebenfall in ORBIS aufgehen,

·  der Standort Bremen (BOSS) erhalten bleiben, jedoch Entwicklungsstandort für das Rechnungswesen werden sowie

·  der bisherige GWI-Standort Osnabrück nach Bremen verlegt werden.PACS Anbieter stark verunsichert

Tatsächlich hat dieser Deal einigen Mitbewerbern im KIS-Markt die Sprache verschlagen. Dass Agfa, dem immer noch das Image des Filmeherstellers anhaftet (obwohl die Sparte längst verkauft wurde) nun marktführender KIS-Anbieter auch auf dem deutschen Markt ist, kam für viele überraschend. Die News waren nicht leicht zu verdauen. Auch für den Zeitpunkt der Übernahme trifft dies zu. Diesen datierten nämlich viele noch zwei bis drei Jahre in die Zukunft. „Hätten Sie mich gefragt, wer irgendwann einmal GWI kauft, hätte ich auf GE getippt“, so ein Beobachter, der mit seiner Meinung nicht allein stand.

Stark verunsichert zeigten sich in Gesprächen auch die auf dem deutschen Markt agierenden PACS-Anbieter. „Als ich die Meldung hörte, wollte ich am liebsten gleich wieder ins Bett gehen“, frotzelte ein Mitarbeiter eines bekannten PACS-Mitbewerbers. Zu befürchten ist nun, dass Agfa mit ORBIS „einen Fuß“ in den GWI-Häusern hat und sich dadurch einen unschlagbaren Wettbewerbsvorteil für ihr PACS-System erkauft hat, der Konkurrenten teuer zu stehen kommen könnte.
Meinungen und Statements von Mitbewerbern sind als Filmbeiträge in Kürze unter www.krankenhaus-it.tv zu sehen.
MEDICA meldet erneut Aussteller- und Besucherrekord

4.300 Aussteller und 136.000 Besucher (2 003: 134.700) meldete die Messegesellschaft für MEDICA und ComPaMED als Rekord in diesem Jahr. Die Internationalität sei deutlich gestiegen. 38 Prozent der Besucher kamen aus dem Ausland: Spürbaren Zulauf gab es bei Besuchern aus den Ländern China, Taiwan, Indien, Russland und den neuen EU-Ländern.

Was die Hallen 16 (Krankenhaus-IT) und 17 (Praxis-EDV) anbelangte, waren die Meinungen der Aussteller jedoch unterschiedlich. Lobten die einen die Qualität der Besucher und eine Vielzahl interessanter Geschäftsabschlüsse, zeigten sich andere mit der geringen Zahl der Besucher – besonders ab Freitag Mittag unzufrieden.
Zudem gesellen sich in der „IT“-Halle 16 immer mehr Anbieter von Krankenhausbetten und Küchenausstattungen zu den Hightech-Firmen. Schließlich ließ eine Reihe von Freiflächen mit grellen Wänden und Vollschaumstoff-Couches in Halle 16 nicht gerade auf eine Vollvermietung schließen.
Halle 17: Weniger Aussteller – größere Flächen

Bestimmend für Halle 17 waren die Praxis-EDV-Anbieter, an der Zahl allerdings immer weniger, dafür mit Superlativen bei den Flächen, also immer größeren Ständen. Die nach und nach aufgekauften CompuGROUP-Firmen Turbomed, Medistar, Albis und Compumed beherrschten die Halle 17. Trotziger Gegenpol die beiden großen Stände der DOCexpert-Gruppe und der MCS AG, inzwischen Mitglieder im VHitG. Doch nach wie vor gibt es auf dem Praxis-EDV Sektor wackere Streiter, die bisher allen Übernahmeangeboten hartnäckig die Stirn geboten haben und auch – wie in jedem Jahr – wieder die MEDICA mit ihren Ständen zierten. Firmen wie DURIA, Promedisoft, Frey, Mediamed, Promedico und Arztpraxis Wiegand halten seit Jahren die eigene Flagge hoch.

Von GWI aus Halle 16 zur Residenz von CompuGROUP in der 17 war es praktisch nur ein Katzensprung. Beide Unternehmen schöpfen aus der gleichen Quelle an Fremdkapital – General Atlantic Partners. Daher schien für Brancheninsider wohl auch der Gedanke naheliegend zu sein: Wann stehen hier Merger & Aquisition an? Jan Broer winkte ab: „Keinerlei Aktivitäten sind zu erkennen, schließlich ist die General Atlantic Group nur Anteilseigner mit 30%.“ Parallelen zum GWI-Merger scheinen durch: Bei dem KIS-Anbieter waren 40 Prozent fremdes Cash im Spiel. So war sich der Vorstand Kommunikation und Vernetzung aus dem Konzern mit Hauptsitz in Koblenz offenbar nicht zu sicher: „Wie wir beobachten können, stößt die General Atlantic Group einen Besitzerwechsel immer zwischen fünf bis acht Jahren an“, meinte er nachdenklich (in Kürze unter www.krankenhaus-it.tv verfügbar).
Genau diese Equity-Formel heizte die Gerüchteküche in der Halle und darüber hinaus mit Blick auf CompuGROUP an.

„meet-IT - Das Forum“ in Halle 17, die von VHitG und Messegesellschaft gemeinsam veranstaltete Vortragsreihe mit abschließender Podiumsdiskussion wurde höchst unterschiedlich besucht: Bei den wenigsten Vorträgen waren alle Plätze belegt. Reges Interesse fand die Diskussion über „Workflow-Optimierung im Krankenhaus“. Krankenhaus IT Journal lud dazu Prof. Dr. Peter Haas (Fachhochschule Dortmund), Bernd Behrend (Bundesverband der Krankenhaus-IT-Leiterinnen/Leiter und Leiter EDV/Organisation der Kreiskliniken Reutlingen) und Dr. Wolrad Rube (stellvertretender Vorsitzender des VHitG und Geschäftsführer der fliegel data GmbH) ein.

„meet-IT - Der Club“, ein abendliches Treffen der Führungskräfte aus der Gesundheits-IT am 2. Messetag, lockte deutlich weniger Teilnehmer an, als noch im letzten Jahr.

IBM mit respektablem Stand

Halle 17 deklarierte die Messe Düsseldorf zum Treffpunkt der Zukunftsperspektiven in der Telemedizin und der medizinischen Informationssysteme. Hier war auch die Sonderschau MEDICA MEDIA beheimatet. Das Forum für Telemedizin mit rund 700 qm war in erster Linie von innovativen Anbietern, vielfach aus dem universitären Umfeld bestückt. Die spezie llen Präsentationen, Vorträge und Workshops mit vielfach hochkarätigen Referenten waren gut besucht.

Überraschend folgte IBM mit dem Health Care-Bereich auf einem präsentablen Stand dem Angebot der Düsseldorfer. Andere Top-Companies aus der IT-Branche wagten nur einen mehr als zögerlichen Schritt, etwa Microsoft mit einem Mini-Partner-Stand, oder sie kamen gar nicht. Viele der Global IT-Anbieter scheinen die Zeichen der Gesundheitskarten-Ära und der Telematik im Gesundheitswesen nicht verstehen zu wollen. Immerhin steht das deutsche Gesundheitswesen vor der größten digitalen Veränderung in seiner Geschichte.

Blick auf ITeG – das Rennen ist noch offen

Immer stärker fiel in Halle 16 der Blick auf die ITeG. Diese vom VHitG (Verband der Hersteller von IT-Lösungen im Gesundheitswesen e.V.) - der Industrie also selbst - im letzten Jahr erstmals veranstaltete Spezialmesse für Krankenhaus-IT in Frankfurt am Main verlief im ersten Ja hr äußerst erfolgreich. Bereits jetzt haben sich - nach Angaben des Messeveranstalters - über 70 Aussteller angemeldet. Allerdings sind auch hier die Meinungen der Aussteller unterschiedlich. Die einen wollen auch zukünftig beide Messen besuchen, die anderen schwanken, ob sie zukünftig nicht nur noch eine der beiden Veranstaltungen frequentieren. Hierbei wurde der ITeG nicht selten der Vorzug gegeben - ein offenes Rennen derzeit noch. Entscheidend dürfte sein, wie die ITeG in diesem Jahr verlaufen wird. Die Veranstalter haben nämlich den Erfolg längst noch nicht in „trockenen Tüchern“. Inzwischen ist die Messlatte, besonders was Zahl und Qualität der Besucher anbelangt, extrem hoch gelegt. Es gibt also keinen Erfolgsautomatismus, Flop und Hype sind trotz selbstbewußtem Veranstalteroptimismus nach wie vor gleichermaßen denkbar. „Wir wissen nicht, ob die Besucher nur einmalig schnuppern wollten, weil es etwas Neues gab, oder ob sie regelmäßig zu dieser Veranstaltung kommen wer den“, mutmaßen skeptische Beobachter.

Für einen besseren Rahmen will der Veranstalter mit dem Wechsel in die wesentlich attraktivere Halle 4 des Frankfurter Messegeländes sorgen. Aufpoliert werden soll auch die abendliche Veranstaltung mit dem großen Namen „Bundesgesundheitsgala“. Sie soll nach Veranstalterwunsch noch stärkeren VIP-Charakter bekommen. Dafür sorgen sollen etwa eine reduzierte Zahl der Einladungskarten und ein obligatorischer Smokingzwang (ersatzweise dunkler Anzug). Allerdings soll daneben auch eine Veranstaltung für den „Rollkragenpullover-Typ“ geplant sein…

Der VHitG nutzte die MEDICA für eine Mitgliederversammlung. Hierbei wurde Jens Naumann, DOCexpert, in den erweiterten Vorstand berufen. Dieser besteht nunmehr aus vier Personen. Zu ihnen gehören Dr. Volker Wetekam, Dr. Wolrad Rube, Frank Hildebrand und Jens Naumann. Mit Naumann ist erstmals ein Vertreter der Praxis-EDV Mitglied im Vorstand.





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